{"id":113,"date":"2013-05-14T07:21:09","date_gmt":"2013-05-14T07:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.time-to-run.com\/de\/?p=113"},"modified":"2014-09-17T06:43:33","modified_gmt":"2014-09-17T06:43:33","slug":"42-kilometer-schlacht-und-abenteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.time-to-run.com\/de\/artikel\/42-kilometer-schlacht-und-abenteuer","title":{"rendered":"42 Kilometer Schlacht und Abenteuer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.time-to-run.com\/de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/madrid-marathon.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-115\" title=\"Madrid Marathon\" src=\"http:\/\/www.time-to-run.com\/de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/madrid-marathon.jpg\" alt=\"Madrid Marathon\" width=\"540\" height=\"270\" srcset=\"https:\/\/www.time-to-run.com\/de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/madrid-marathon.jpg 600w, https:\/\/www.time-to-run.com\/de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/madrid-marathon-300x150.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"center\"><b><span style=\"text-decoration: underline;\">42 Kilometer Schlacht und Abenteuer<\/span><\/b><\/p>\n<p align=\"center\">oder: Warum ein Marathonlauf die Welt verbessern kann<\/p>\n<p><i>42 Kilometer durch die Strassen von Madrid. Das ist selbst f\u00fcr einen Autofahrer schon eine ordentliche Distanz, auf den eigenen F\u00fcssen zur\u00fcckgelegt aber f\u00fcr den K\u00f6rper eine echte Herausforderung. Diogenes von der T\u00f6ss, Philosoph und Langstreckenl\u00e4ufer aus Leidenschaft, hat sich diesem Kampf mit dem eigenen K\u00f6rper und seinem inneren Schweinehund immer wieder gestellt und kommt mit einigen Erkenntnissen zur\u00fcck von seinem aktuellen Abenteuer. <!--more--><\/i><\/p>\n<p><i>Sein Credo: Auspowern bis zur Ersch\u00f6pfung ist gesund f\u00fcr Leib und Seele. Ausdauersport ist (\u00fcber)lebenswichtig f\u00fcr die zivilisierten Menschen und hilft durch das komplette \u201eEntladen\u201c der k\u00f6rpereigenen Energiezellen, den Sportler zu einem ausgeglichenen Menschen zu formen, der aktiv und positiv mit den Erfordernissen des menschlichen Alltags umgeht.<\/i><\/p>\n<p><i>Von Diogenes von der T\u00f6ss, Lanzarote<\/i><\/p>\n<p>Ein Marathonlauf. Das sind ca. 40.000 Schritte und 36.000 Pulsschl\u00e4ge. Es werden rund 15.000 Liter Atemluft ben\u00f6tigt und die Belastung der F\u00fcsse im Laufe des Marathons liegt bei dem Gewicht von ca. 8.400 Kleinwagen (ungef\u00e4hre Werte f\u00fcr einen 70 KG schweren Mann mit einer Laufzeit von 4 Stunden). Was diese grossen Zahlen aber keinesfalls ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, sind die Abenteuer, die K\u00f6rper, Geist und Seele w\u00e4hrend des Laufes erleben. Und die m\u00f6glichen Konsequenzen f\u00fcr die charakterliche Entwicklung eines Langstreckenl\u00e4ufers.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Marathon habe ich mir das Stadtzentrum von Madrid ausgesucht. Denn in den Grossst\u00e4dten sind viele Teilnehmer zu erwarten und viele Zuschauer an der Laufstrecke. Ein Gemeinschaftsgef\u00fchl, das zus\u00e4tzliche Kraftreserven freisetzt, die unter Umst\u00e4nden auch bitter n\u00f6tig sind. Denn der L\u00e4ufer, der sich dieser Herausforderung nicht gerade als professioneller Leistungssportler stellt, erreicht w\u00e4hrend des Wettbewerbs meist mehrfach eine pers\u00f6nliche Grenze, einen Punkt, an dem der innere Schweinehund das Aufh\u00f6ren fordert und mit diversen Verlockungen vers\u00fcsst. Da ist es praktisch, wenn die Meute am Strassenrand dich weiter peitscht und der Schweinehund sich schmollend in sein dunkles Eckchen zur\u00fcckziehen muss.<\/p>\n<p>40.000 Schritte. Selbst als fast t\u00e4glich Trainierender, f\u00fcr den das Laufen schon seit einer geraumen Zeit fester Bestandteil des Alltags und fast zur Sucht geworden ist, fragt man sich doch, warum man sich dies \u00fcberhaupt antut. Dutzende von bunten finisher-T-Shirts und mehr oder weniger h\u00e4sslichen Medaillen k\u00f6nnen der Grund wohl nicht sein. Diese Souvenirs machen sich an den W\u00e4nden des eigenen Wohnzimmers zwar recht h\u00fcbsch, aber so wirklich imposant sind die Staubf\u00e4nger f\u00fcr gelegentliche G\u00e4ste dann doch nicht. Zumal die meisten Freunde und Bekannten zwar augenrollend konstatieren \u201eEin Marathon? Also f\u00fcr mich w\u00e4re das nichts\u201c &#8211; aber den wahren Wert dieser Heldentat im Laufe mehrerer Stunden kann wohl doch nur derjenige ermessen, der sich selbst dieser Tortur schon einmal gestellt hatte.<\/p>\n<p>Warum also diese Muskelschmerzen, Schwindelanf\u00e4lle, Kr\u00e4mpfe, Blasen an den F\u00fcssen, wund gescheuerten K\u00f6rperpartien? Was treibt uns an, 42 Kilometer im mehr oder weniger schnellen Trab zu absolvieren?<\/p>\n<p>Nach dem Zieleinlauf im Parque de Retiro in Madrid und in den darauf folgenden Stunden der Entspannung und Regeneration jedenfalls war mir die Antwort auf diese Frage so klar wie nie zuvor: Der Mensch muss sich auspowern. Muss mit seinen Kr\u00e4ften gelegentlich bis ans Ende und dar\u00fcber hinaus kommen. Muss kaputt, kaputt, kaputt sein. Der K\u00f6rper will das so und der Geist wird vielleicht erst wirklich frei, wenn der Mensch aus seinem K\u00f6rper das Allerletzte herausgeholt hat.<\/p>\n<p>Unsere Zivilisation hat m\u00f6glich gemacht, dass wir ein mehr oder weniger bequemes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen: Fahrzeuge bef\u00f6rdern uns schnell ans Ziel, Rolltreppen und Fahrst\u00fchle trotzen der Erdanziehungskraft besser als unsere Muskeln. Die Pizza wird ins Haus geliefert und das \u201eJagen und Sammeln\u201c beschr\u00e4nkt sich auf eine Shopping-Tour im Supermarkt am Samstag. Das ist klasse und wir \u201ezivilisierten\u201c Menschen ersparen uns damit eine Menge Zeit und Energie. Aber ist unser K\u00f6rper denn wirklich daf\u00fcr konstruiert, einen Grossteil seines Lebens auf B\u00fcrost\u00fchlen, bequemen Sofas, in kuscheligen Betten und Recaro-Sitzen des Autos zu verk\u00fcmmern? K\u00f6nnte es nicht sogar sein, dass eine Menge der Aggression, die heute in den Menschen steckt und sich in Streits und Gewalttaten entl\u00e4dt, eigentlich nur dem normalen Potential an St\u00e4rke entspricht, das ein gesunder K\u00f6rper zur Bew\u00e4ltigung des menschlichen Alltages \u201efr\u00fcher\u201c brauchte? Das aber in der modernen Welt, dank der \u201eErrungenschaften der Zivilisation\u201c also, kaum noch abgerufen werden darf und sich daher h\u00e4ufig andere, fatale Ventile sucht? Vielleicht weiss der Ausdauersportler instinktiv, dass es lebenswichtig ist, dieses Potential von Zeit zu Zeit abzurufen und die Energiezellen des K\u00f6rpers regelm\u00e4ssig komplett zu entladen. Bei wiederaufladbaren Batterien, so weiss der Experte, dient eine regelm\u00e4ssige vollst\u00e4ndige und eben nicht nur teilweise Entladung ebenfalls entscheidend der Lebensdauer der Energiezellen!<\/p>\n<p>Der Mensch muss sich also auspowern. Er bringt seinen K\u00f6rper an dessen Grenzen und ein St\u00fcckchen dar\u00fcber hinaus. Erweitert seinen Horizont, sein Leistungsspektrum, und auch sein Selbstbewusstsein! Ja, man h\u00f6re und staune, es gibt dann doch einen Zusammenhang zwischen Leistungsbereitschaft und mentaler St\u00e4rke, zwischen Disziplin und Spass am eigenen Dasein! Ich m\u00f6chte es einmal so formulieren: Wer sich regelm\u00e4ssig bis zur Ersch\u00f6pfung fordert, der f\u00f6rdert sein Wohlbefinden, seine Lebensfreude, seine innere Ausgeglichenheit. Marathonlaufen als Meditation und als Kraftquelle!<\/p>\n<p>Juan Alcatraz, Psychiater und selbst Marathonl\u00e4ufer, dr\u00fcckt es so aus: \u201cGenauso, wie sich das Leistungsverm\u00f6gen des auf Ausdauer ausgerichteten K\u00f6rpers im Laufe der Zeit weiter entwickelt, so bemerken wir auch in der intellektuellen Sph\u00e4re signifikante \u00c4nderungen. Die Bereitschaft, sich mit den t\u00e4glichen Problemen in unserem Leben aktiv und positiv zu konfrontieren, ver\u00e4ndert sich auf subtile Art und Weise. Die f\u00fcr den Langstreckenl\u00e4ufer so \u00fcberlebenswichtigen mentalen Funktionen wie Freiwilligkeit, Opferbereitschaft und Durchhalteverm\u00f6gen beeinflussen den Sportler zunehmend in allen Lebensbereichen!\u201c<\/p>\n<p>Ab einer gewissen Renndauer ist der L\u00e4ufer immer \u201eam Rande der Niederlage\u201c und ben\u00f6tigt zus\u00e4tzliche Willenskraft und eigene Reserven, um nicht in den symbolischen Abgrund zu fallen. Diese Extra-Depots an pers\u00f6nlicher St\u00e4rke abzurufen bedeutete fr\u00fcher oft den Unterschied zwischen Leben und Tod. Diese Gratwanderung am Rande des Abgrundes ist heute ein Reiz, der das Abenteuer Marathon ausmacht.<\/p>\n<p>5 Stunden nach erfolgreichem Beenden des Laufes in Madrid, bei unangenehmen 6\u00b0C und einem schier endlos langen \u201eSchlussanstieg\u201c ab Km 34 bis zum Ziel, sitze ich mit der schweren Medaille um den Hals in einer Bar und lasse mir einen k\u00fchlen Weisswein schmecken. Am Nebentisch entbrennt ein heftiger Streit eines Ehepaars dar\u00fcber, wer sich st\u00e4rker um den gemeinsamen Sohn k\u00fcmmern soll. In meinem Inneren verbreitet sich ein warmes L\u00e4cheln. Denn sicher w\u00fcrden die beiden Eltern, h\u00e4tten sie denn mal den Marathon auch absolviert, jetzt strahlend und voller Lebensfreude dort sitzen und sich \u00fcberlegen, welchen Lauf sie gemeinsam mit ihrem filius denn bald mitrennen wollen.<\/p>\n<p>Als die M\u00e4nner noch vom Jagen und Sammeln, oder von der Verteidigung des Dorfes gegen Eindringlinge heimkamen, ausgepowert, verwundet, geschunden aber nicht geschlagen, da wurden sie von ihren Familien gepflegt und jeder wusste, dass eine ordentliche Regeneration und liebevolle Pflege wichtig war, damit er bald wieder mit ganzer Kraft f\u00fcr die Gemeinschaft da sein konnte.<\/p>\n<p>Wenn heute der arbeitende Mann aus dem B\u00fcro nach Hause zur\u00fcckkehrt, besitzt er bei der Familie selten diesen Stellenwert und wird gerne noch ausgeschimpft, weil der keinen Blumenstrauss mitbringt oder sich nicht auch noch um den Haushalt k\u00fcmmert. Und ob er selbst nach seinem Schreibtisch-Marathon wirklich ausgeglichen und zufrieden in den Schoss der Familie zur\u00fcckkehrt, ist auch zu bezweifeln.<\/p>\n<p>Vielleicht verhilft so ein Marathon ja zu einem entspannteren zwischenmenschlichen Miteinander! Indem das Selbstbewusstsein des \u201eHelden\u201c steigt, die Achtung vor sich selbst und damit auch die Achtung der Nahestehenden vor ihm als Mensch? Vielleicht heilt solch eine Anstrengung ja so manche Zivilistationskrankheit, auch dank der damit verbundenne Umstellungen eigener Lebensgewohnheiten! Und vielleicht sind Marathonl\u00e4ufer nicht irgendwelche seltenen Exoten, die einem Modetrend hinterherrennen, sondern die wahren Wissenden, die die Gesetze und Funktionen ihres eigenen K\u00f6rpers erkannt haben!<\/p>\n<p>Ich selbst jedenfalls habe mir bei Kilometer 37, von Kr\u00e4mpfen im Unterarm, einer blutigen Blase am Zeh und diversen anderen Wehwehchen geplagt, kurzfristig einreden wollen, dass ich nie wieder einen Marathon laufen werde. Schon beim Fr\u00fchst\u00fcck am n\u00e4chsten Tag jedoch hat es wieder in den Waden gekribbelt! W\u00e4hrend der Tour de France 1997 hat der Radprofi Udo B\u00f6lts seinem schw\u00e4chelnden Teamkollegen auf einem steilen Anstieg die lyrische Aufforderung \u201eQu\u00e4l\u00b4Dich, Du Sau\u201c zugerufen. In diesem Geiste werde ich, zusammen mit einer immer gr\u00f6sseren Fan-Gemeinde auf der ganzen Welt, auch den n\u00e4chsten Marathon mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Entsetzen und echter Begeisterung in Angriff nehmen!<\/p>\n<p>Artikel:\u00a0Diogenes von der T\u00f6ss<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>42 Kilometer Schlacht und Abenteuer oder: Warum ein Marathonlauf die Welt verbessern kann 42 Kilometer durch die Strassen von Madrid. Das ist selbst f\u00fcr einen Autofahrer schon eine ordentliche Distanz, auf den eigenen F\u00fcssen zur\u00fcckgelegt aber f\u00fcr den K\u00f6rper eine echte Herausforderung. 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